(Bericht aus der Stuttgarter Zeitung vom 07.01.2009)

Hip-Hop-Szene unter Generalverdacht

Menschen 2009: 0711-Chef Johannes Strachwitz

Schwer zu sagen, was das Jahr bringt. Wir versuchen es trotzdem. Unsere „Menschen 2009" stecken hinter den Themen, über die man sprechen wird. Heute: Johannes „Strachi" Strachwitz, der Organisator der Hip-Hop-Open.

Von Markus Heffner

Es sind Sätze wie diese, die in Johannes Strachwitz den Frust aufkommen lassen: „So eine krasse Polizei wie in Stuttgart haben wir nicht einmal in acht Jahren Festivalbesuch in Bayern erlebt. Wir sind hier wie Schwerverbrecher behandelt worden, vor allem meine beiden farbigen Freundinnen. Wir werden Stuttgart künftig meiden und nicht mehr zu den Hip-Hop-Open fahren. Schade darum."

Die Erlebnisse der drei jungen Frauen aus Hessen stammen aus einem der vielen Schreiben, die nach den Hip-Hop-Open 2008 im Postfach von Johannes Strachwitz gelandet sind. Die Absender aus ganz Deutschland beklagen darin „exzessive Polizeikontrollen", die schon an den S-Bahn-Gleisen begonnen hätten, von Schikane ist die Rede, Belästigung und höchst unfreundlicher Behandlung. „Briefe, in denen negative Erlebnisse geschildert werden, haben wir immer schon bekommen. So viele wie vergangenes Jahr waren es aber noch nie", sagt Johannes Strachwitz.

Der 35-Jährige gehört zum illustren Kreis jener, die Stuttgart zur Hip-Hop-Hauptstadt der Republik gemacht haben. Mitte der 90er hatte Strachi zusammen mit seinem Kumpel Schowi alias Jean-Christoph Ritter, dem Frontman der Band Massive Töne, den 0711 Club gegründet - eine seinerzeit einzigartige Institution in der Stadt: Sechs Jahre lang legten DJs aus ganz Deutschland im damaligen Club Prag freitags nur Hip-Hop auf. Später ging aus dem Club das 0711 Büro hervor, die heutige 0711-Entertainment GmbH in der Tübinger Straße. Neben vielem anderen wird von hier aus auch das Hip-Hop-Festival organisiert, das im Jahr 2000 seine Premiere feierte und nach Gastspielen am Pragsattel und auf der Waldau seine Heimat im Reitstadion gefunden hat.

Mehr als 12 000 Besucher pilgern jährlich auf den Cannstatter Wasen, und auch in diesem Jahr ist die Nachfrage an dem größten eintägigen Hip-Hop-Festival Europas schon jetzt riesengroß. Dennoch sind die Organisatoren am Überlegen, ob sie nicht einen Schlussstrich unter die Erfolgsgeschichte in Stuttgart ziehen und das Festival abblasen sollen. „Die Polizei hat mit ihrem Vorgehen alles verdorben. Wir werden uns in den nächsten Tagen entscheiden, sind aber sehr enttäuscht und sehen eigentlich keine große Chance mehr", sagt Strachwitz. Nicht nur viele Besucher hätten angekündigt, Stuttgart zu meiden. Auch Künstler hätten wegen einschlägiger Erfahrungen abgesagt.

Was den erfahrenen Musikmanager, der zwischenzeitlich auch einige Fußballprofis betreut, besonders aufbringt, ist der „Generalverdacht", unter den die Besucher gestellt werden. Für die Polizei sei offenbar jeder Hip-Hop-Fan ein potenzieller Drogenkonsument, auf den bedingungslos Jagd gemacht werden müsse. Bei keinem anderen Konzert sei die Polizei so massiv unterwegs, selbst im Stadion wimmle es von als Hip-Hopper verkleideten Einsatzkräften. Zu spüren bekommen würden die Polizeistrategie auch Sponsoren, Gäste und Mitarbeiter. So sei ein Bühnenhelfer, der sich über die vierte Leibesvisitation in Folge beklagt hatte, angeschnauzt worden: „Irgendwie muss das Zeug ja auf das Gelände kommen."

Auf rund 500 000 Euro beläuft sich der Etat für die „Prestigeveranstaltung", die sehr knapp kalkuliert werde, so Johannes Strachwitz. „Letztes Jahr haben wir draufgelegt." Es werde immer geklagt, wenn Veranstaltungen nach Berlin abwandern. „Wir haben aus Überzeugung 0711 als Logo und wollen die Stadtfahne hochhalten, aber irgendwann können wir das nicht mehr."

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Absage denkbar

Das erste Hip-Hop-Festival in Stuttgart fand am 15. Juli 2000 am Pragsattel statt und war mit 14 000 Besuchern schon Tage vorher restlos ausverkauft. 2001 zog das Festival ins damalige Waldau-Stadion um, 2002 wurde die Hip-Hop-Bühne erstmals im Reitstadion am Cannstatter Wasen aufgebaut. 2006 musste die Veranstaltung pausieren, weil das Reitstadion während der Fußball-WM als Fancamp genutzt wurde.

Zu den Höhepunkten in der Historie der Hip-Hop-Open gehören die Auftritte nationaler und internationaler Größen wie Ice Cube, LL Cool J, Max Herre, Samy Deluxe, Sido, Jan Delay und Snoop Dogg. Regelmäßig zu Gast in Stuttgart waren zudem die Massiven Töne, Afrob und die bekannte Münchner Hip-Hop-Band Blumentopf.

Bei der neunten Auflage des Festivals sollen in diesem Jahr am 4. Juli erneut die besten Hip-Hopper im Reitstadion auftreten - allerdings steht derzeit noch ein großes Fragezeichen hinter der Veranstaltung. Die Organisatoren erwägen eine Absage, weil sie sich durch die massiven Kontrollen der Polizei schikaniert fühlen und sich vergangenes Jahr zahlreiche Besucher über die schlechte Behandlung beschwert haben.