Entnommen aus dem Cannstatter Blättle Nr. 13 Saison 07/08

50 + 1 und die Folgen

Gastkommentar von Stefan Minden, Rechtsanwalt der Fanabteilung von Eintracht Frankfurt und Verfasser des Positionspapiers zur Reform der Stadionverbotsrichtlinien:

(...) Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass es seit Einführung der Bundesliga 1963 keine Entscheidung mehr gegeben hat, die den deutschen Fußball derart nachhaltig und irreversibel verändern wird wie diese. Wer das nicht sieht, ist blind. Die Konsequenzen werden wir alle spüren und erleben, ganz egal, wie unser „eigener“ Verein sich verhält bzw. ob, wann und unter welchen Umständen er sich Kapitalanlegern öffnet:

- in der Bundesliga wird es künftig vermehrt „Vereine“ wie Wolfsburg und Hoffenheim geben - geschichts- und anhängerlose Produkte eines Kapitalgebers, der notfalls 11 Brasilianer zusammenkauft und in irgendeiner bislang vom Fußball nicht verwöhnten Gegend gediegenes Fußball-Entertainment anbietet - da aber die Bundesliga nicht aufgestockt wird, werden dafür Traditionsvereine runtermüssen;

- So wie in der „normalen“ gewerblichen Wirtschaft Arbeitsplätze auch dann abgebaut werden, wenn die Unternehmen Gewinne erwirtschaften und zweistellige Zuwachsraten haben (eben weil nach der „Freisetzung“ noch mehr Rendite erwartet werden kann), so werden wir auch im Fußball dem shareholder value Tribut zollen müssen: Schluß mit billigen Stehplätzen, wo die Saisondauerkarte nur 100 Euro kostet; weg mit sozialverträglichen Preisen. Fußball kann sich auch bzw. sogar besser als hochpreisiges Produkt verkaufen. Wer da nicht mitmacht, wird wegen seines Erlös-Steigerungspotentials schnell zum Übernahme-Kandidaten...

- Raus also mit den die wirtschaftliche Entwicklung hemmenden Fankurven und Fanszenen. Die haben erstens eh zu wenig Kaufkraft, sind zweitens zudem überdurchschnittlich konsumkritisch und kleiden sich eher mit Produkten aus Kollektionen der eigenen Szene („Ultra-Zipper“ oder Fanclub-Pullis usw.) statt die offiziellen Merchandising-Produkte des „Vereins“ zu erwerben, weswegen sie auch - drittens - für die Sponsoren uninteressant sind, die im Umfeld der Spiele ihre Produkte bewerben. Eine große und aktive Fanszene, so wie wir sie heute noch bei vielen Vereinen haben und kennen, ist dem shareholdervalue enorm abträglich. Fans sind genauso überflüssig und störend wie Nokia-Arbeiter in Bochum.

- da die private-equity-Gesellschaften, die Hedge-Fonds und die durchgeknallten Milliardäre dieses Erdballs dann ja auch sofort Gesellschafter der DFL werden, wenn sie einen Verein gekauft bzw. hochgebracht haben, werden deren Entscheidungen in Zukunft noch renditeorientierter und fanunfreundlicher werden. Neun verschiedene Anstoßzeiten - darunter einige, die mit dem asiatischen Fernsehmarkt kompatibel sind-, die Aufnahme von Sponsorennamen in die Vereinsnamen, der Wechsel von Vereinsfarben (bringt auch für den Fanartikelverkauf einen enormen Nachfrageschub), Werbung auch auf der Hose und Trikot-Rückseite usw. usf. - die Liste möglicher Schreckensentscheidungen ist lang...

- weil man ja bei der DFL offensichtlich alles erreichen kann, wenn man nur das wunderbare Argument „das würde vor Gericht nie halten!“ zieht, wird bald auch der Verkauf von Lizenzen erlaubt werden. Schließlich stellen diese den werthaltigsten Vermögenswert der Bilanz dar. Und welche Rechtsordnung darf einem privaten Unternehmen schon verbieten, Teile seines Anlagevermögens zu veräußern?

- irgendwann wird man feststellen, dass die Investoren vor allzu großen Risiken zurückschrecken, weil immer noch pro Saison zwei oder drei Vereine absteigen. Dann beginnt der öffentliche Meinungskampf gegen diesen deutschen Anachronismus, und bald schon wird man nach dem Vorbild der amerikanischen Profiligen (oder der deutschen Eishockey-Liga) Auf- und Abstieg abgeschafft haben. Irgendein Dödel aus einer renommierten, wirtschaftsrechtlich ausgerichteten Kanzlei wird der DFL-Geschäftsführung schon ein ausführliches und überzeugendes Gutachten vorlegen, wonach der Abstieg ein unzulässiger Eingriff in die Gewerbefreiheit ist und vor Gericht niemals Bestand hätte...

Und wir? Wir werden den Tag verfluchen, an dem die DFL die „50 +1“-Regel gekippt hat, ohne dass wir wenigstens versucht hätten, Widerstand zu leisten...

Stefan Minden